Gesellschaft

Wenn Eltern das Elternsein verlernt haben

Seit Jahren ist zu beobachten, dass Kinder immer öfter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Fast scheint es so, als wäre das größte Glück vieler Menschen zur Last der Gesellschaft geworden.

Während sogenannte „adults only“ Hotels inzwischen völlig normal sind und gut angenommen werden, entdecken immer mehr Unternehmer auch aus anderen Bereichen das Verbot von Kindern als geschäftsrelevantes Alleinstellungsmerkmal. Die Debatte um die Akzeptanz von Kindern innerhalb der Gesellschaft wurde kürzlich von einem Restaurant auf Rügen um eine Facette reicher. Der liebliche Name „Oma’s Küche & Quartier“ lässt nicht unbedingt einen Betreiber vermuten, der Kinder unter 14 Jahren ab 17 Uhr aussperrt. Und dies auch noch stolz als „das erste kinderfreie Restaurant in Binz und auf ganz Rügen“ auf seiner Homepage anpreist.

Immer mehr unerzogene Kinder?

Wie aber kann es im Jahre 2018, in einer Zeit in der man sich Toleranz gerne groß auf seine Fahnen schreibt, dazu kommen? Liegt es tatsächlich an den Kindern, die sich rücksichtslos benehmen und anderen Gästen keine ruhigen Restaurantbesuche mehr ermöglichen? Liegt es gar an den Wirten und Hoteliers, die darin neue Geschäftszweige sehen? Die Antwort lautet ganz klar: NEIN! Es ist so einfach wie logisch – die Verantwortung liegt einzig und allein bei den Eltern. Und so einfach die Antwort auf den ersten Blick scheinen mag, so schwierig ist sie bei näherem Betrachten. Denn selbst den Eltern von heute ist in Zeiten überquellender Erkenntnisse moderner Pädagogen kaum ein Vorwurf zu machen.

Erziehung auf Augenhöhe – zum Scheitern verurteilt!

Eltern haben es dieser Tage nicht leicht. Einerseits erwarten sich Restaurantbetreiber und -besucher wohlerzogene Kinder, die sich möglichst unauffällig verhalten. Andererseits sind ihnen strafende Blicke gewiss, sollten sie es wagen ihren grenzentestenden Kindern tatsächlich im öffentlichen Raum die notwendige Konsequenz entgegenzubringen. Wer heute seinem Kind gegenüber lauter wird, ist gerade nochmal gut davon gekommen, wenn er sich im nächsten Moment nicht dafür entschuldigen muss. 2018 wissen wir es alle besser. Und dennoch: Kommunikation auf Augenhöhe kann nur mit ebenbürtigen Personen funktionieren. Es ist geradezu unfair dem Kind gegenüber, ihm diese Kompetenz zuzuschreiben bzw. abzuverlangen. Ein Kind verfügt noch bei weitem nicht über die nötige Erfahrung, maßgebliche Entscheidungen für sich selbst oder gar sein Umfeld zu treffen. Erwachsene dagegen, die sich auf eine Ebene mit ihrem Kind stellen um auf Augenhöhe zu kommunizieren, entsteigen in dem Moment  der Vorbildrolle und geben jegliche Führungsverantwortung und Souveränität ab. Der Wunsch, der beste Freund des Kindes zu sein, ist im besten Fall romantisch.

Fast hat man den Eindruck, als sei unsere Gesellschaft nur zu Extremen fähig. Hat man vor fünfzig Jahren übertriebene Zucht und Ordnung noch als anerkannte gesellschaftliche Etikette interpretiert, zählt man das Einfordern höflichen Benehmens heute fast schon zur schwarzen Pädagogik. Das Grüßen fremder Erwachsener wird mehr schon als Einschränkung persönlicher Freiheit gesehen, denn als Mindestmaß gesellschaftlicher Umgangsformen. Kinder müssen heute nichts mehr. Sie sollen dürfen wenn sie wollen, genauso aber niemals müssen, wenn sie nicht wollen. Das ist prinzipiell ein erstrebenswerter Leitsatz, in der Praxis jedoch nicht immer umsetzbar. Denn das Leben verläuft nicht linear, sondern hält sowohl für Kinder als auch Erwachsene viele Überraschungen und Herausforderungen parat. Und wer nie gelernt hat zu müssen, wird es auch dann nicht können, wenn es notwendig ist.

Ich durfte kürzlich selbst Beobachterin einer Mutter werden, die ihrer Tochter gegenüber mehr Freundin als Erziehungsberechtigte sein wollte. Das erst etwa zweijährige Mädchen wollte Kerze um Kerze aus dem Regal eines Möbelhauses räumen. Die Mutter vermied ganz im Sinne der positiven Pädagogik, jegliche Forderung einschränkenden Verhaltens. So bat sie das Mädchen gezählte fünf Mal, die Kerze zurückzustellen und ihr in die nächste Abteilung zu folgen, wo es neue tolle Sachen entdecken könnte. Das Mädchen nahm nicht die geringste Notiz und räumte weiter Kerzen aus dem Regal. Die Mutter versuchte weiterhin mit ausdauernder Geduld, das Kind durch Versprechungen dazu zu bewegen, ihrem Wunsch folge zu leisten. Moderne Eltern kommunizieren ihren Kindern gegenüber im besten Fall in Form von Wünschen und Bitten und vermeiden Forderungen oder Aufgaben, denn ganz im Mittelpunkt moderner Erziehung steht die Persönlichkeitsentwicklung. Allerdings stellt sich die Frage, wie sich eine noch unsichere Persönlichkeit entwickeln soll, die keinerlei Möglichkeit zur Orientierung erhält. Es war augenscheinlich, dass dieses erst zweijährige Mädchen in der Mutter weder beste Freundin noch souveräne Erziehungsberechtigte sah. Bereits in den ersten zwei Jahren hat das Kind also gelernt, dass die gesprochenen Worte der Mutter keinerlei Verbindlichkeit besitzen. Erziehung kommt ohne Verbindlichkeit jedoch nicht aus. Es liegt in der Entdeckernatur des Menschen, Grenzen zu testen. Der eine mehr, der andere weniger. Wenn ein Kind jedoch niemals ein Mindestmaß an Verhaltensregeln vermittelt bekommt, ist es nicht verwunderlich, dass es diese nicht nur Zuhause sondern auch innerhalb der Gesellschaft im Allgemeinen nicht anwenden kann. Und während es jeder Familie selbst überlassen ist, ihr Kind nach ihren individuellen Maßstäben zu erziehen, zu begleiten und zu fördern, so stoßen Kinder die sich nie an Regeln oder Verbindlichkeiten halten mussten samt ihrer Eltern spätestens im öffentlichen Raum auf Ablehnung. Denn die persönliche Freiheit ist ab da begrenzt, wo sie die eines anderen einschränkt. Und während es jedem Elternteil absolut selbst überlassen ist schreiende, kreischende, zankende, trotzende Kinder in den eigenen vier Wänden mit Eselsgeduld und Versprechungen jeglicher Art zu ertragen, kann von anderen Menschen nicht verlangt werden, es ihnen gleich zu tun.

Wer jegliche Erziehungsverantwortung also auf sein Kind abwälzt und ihm jegliche Entscheidungsfreiheit überträgt, darf sich nicht wundern, wenn diese Form der Persönlichkeitsentwicklung ohne Regeln im öffentlichen Raum auf wenig Freude stößt. Respekt und Wertschätzung sind Grundpfeiler unserer Gesellschaft, eine Gesellschaft übrigens, die ohne das Einhalten gewisser Grundregeln nicht auskommt.

Und um beim Restaurant zu bleiben – selbst wenn ein Kind von Tisch zu Tisch spaziert, wird es auf mehr Verständnis stoßen, wenn es ein Mindestmaß an Benehmen einhält, anstatt die weite Welt als (s)einen großen Spielplatz zur freien Entfaltung zu sehen.

Wie ist Deine Meinung?

Ein Kommentar

  • Zechner Elisabeth

    Frage nach dem WARUM?? Kinder sind nicht die „Schuldigen“. Eltern die keine Zeit mehr fuer die Erziehung ihrer Sproesslinge haben bzw.sich nehmen. Heute erfolgt eine soziale Verwahrlosung der Kinder. Werden viel zu frueh in Fremdbetreuung abgegeben und vor allem werden keine Werte mehr vermittelt! Was wir saeen werden wir ernten! Kinder sind unsere Zukunft! lg.

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