Politik

Christian Kern – alles auf die falsche Karte gesetzt

Dienstag, 18.09.2018, kurz vor 15 Uhr: das Radioprogramm wird für eine Eilmeldung unterbrochen. Was dann verlautbart wird, überrascht nicht: der ehemalige Bundeskanzler Christian Kern wird am Abend seinen Rückzug aus der Politik verkünden. 

„a little less conversation a little more action please“

Der 17. Mai 2016 war der Tag, an dem Christian Kern von den SPÖ-Granden nach dem erzwungenen Abgang von Werner Faymann zum neuen Bundeskanzler gemacht wurde. Eine schwerwiegende Entscheidung als hochgeschätzter Chef der österreichischen Bundesbahnen den Hut an den Nagel zu hängen und in die tosenden Gewässer der Politik zu wechseln. Was Kern zu dem Zeitpunkt, als er wortgewandt „a little less conversation a little more action please“ zu seinem persönlichen Claim bezugnehmend auf seine geplante Arbeitsweise machte, noch nicht ahnen konnte – er wird in die Geschichte eingehen. Als Österreichs kürzester Bundeskanzler mit nur 580 Tagen Amtszeit.

Tal Silberstein – der Untergang für Kanzler Kern

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Hätte ihm nicht die ÖVP mit dem Rücktritt Reinhold Mitterlehners und dem darauf nachfolgenden Sebastian Kurz einen Strich durch die Rechnung gemacht. Kurz strebte nach Übernahme der ÖVP-Spitze im frühen Herbst 2017 Neuwahlen an und kündigte die Koalition mit der SPÖ auf, nachdem diese von dauerhaften Blockaden sowie gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt war. Kanzler Kern hatte bereits im Jänner 2017 mit Neuwahlen gedroht, sollte sich die Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner weiterhin herausfordernd gestalten. Mit Ausrufen der Neuwahlen wurde ausgerechnet von Kern gleichzeitig der schmutzigste aller Wahlkämpfe eingeleitet. Mit Tal Silberstein, der bereits seit 2001 für die Wahlkämpfe der SPÖ engagiert war, empfahl Alfred Gusenbauer Christian Kern nicht nur seinen langjährigen Geschäftspartner und Freund, sondern einen Wahlkampfleiter, der bereits Gusenbauer gute Dienste geleistet hatte. So hatte Silberstein 2006 bereits Wolfgang Schüssel durch eine fingierte Anschuldigung zu Fall gebracht. Damals wurde Schüssel unterstellt, eine Pflegerin illegal angestellt zu haben. Mit Silberstein setzte die SPÖ damit auf das falsche Pferd.

Der Wahlkampf rund um die Nationalratswahlen 2017 war überschattet durch Dirty Campaigning, für das Silberstein verantwortlich zeichnete. Bereits im Jänner 2017 sollen Silberstein und Vertraute in der Vergangenheit von Sebastian Kurz nach für einen bevorstehenden Wahlkampf verwertbaren Auffälligkeiten gestochert haben, was Kern damit dementierte, „dass es unter seiner Führung so etwas nicht gebe und er es auch nicht dulden würde.“ Auch die Fernsehauftritte von Kern waren geprägt von Anschuldigungen gegenüber den Spitzenkandidaten, allen voran Sebastian Kurz, ÖVP. Während Kurz bei den Umfragewerten vor allem beim Vertrauensindex alle anderen weit hinter sich ließ, war es um die Zukunft Kerns denkbar schlecht bestellt. Mit 14. August wurde Silberstein letztlich wegen des Verdachts der Bestechung, Urkundenfälschung und Betrugs festgenommen und das dunkelste Kapitel der SPÖ Wahlkampfgeschichte geschlossen. Der Wahlkampf, der Kurz in die Hände spielte, war für Kern damit endgültig gelaufen und zum Desaster geworden.

Vom installierten Bundeskanzler nach den Wahlen auf die Oppositionsbank verwiesen

Fortan sollte der ehemalige Top-Manager seine Rolle also in der Opposition wiederfinden. Doch wie realistisch ist es, dass sich ein Mann, der lange Zeit in einem der österreichischen Top-Betriebe das Sagen hatte, fortan mit einer Oppositionsrolle und dem bitteren Beigeschmack des gescheiterten Bundeskanzlers zufrieden gibt? Dass es innerhalb der SPÖ seit der verlorenen Nationalratswahl brodelt, ist unübersehbar, auch wenn Kärnten-Chef Peter Kaiser noch so sehr um Beruhigung bemüht ist. Kaiser gilt übrigens als Drahtzieher rund um die Bestellung Christian Kerns. Beide – sowohl Kaiser als auch Kern – die sich stets um einen ehrlichen Weg der Politik zeigten, glänzten in der Vergangenheit eher durch Verlautbaren abgedroschener Phrasen und ständiges Relativieren zuvor getätigter Aussagen. So dementierte Kern erst vor wenigen Wochen die Frage nach seinem Rücktritt.

Mir persönlich ist Kern zu Beginn seiner Amtszeit als durchaus charmanter Weltmann mit Führungskompetenz aufgefallen. Doch leider dauerte es nicht lange, ehe auch er sich dem Druck der Partei beugen und seine positiven Veränderungsabsichten über den Haufen werfen musste. Festgefahrene Parteistrukturen dulden keine Individualität. Sebastian Kurz hat erreicht was Kern anstrebte – einen neuen Weg in der Politik umzusetzen, ohne auf Zurufe aus den „alten“ Reihen der eigenen Partei reagieren zu müssen. So bleibt vom einstigen Top-Manager nur der gescheiterte kürzeste Bundeskanzler in der Geschichte der Zweiten Republik übrig.

Nun scheint ein Angebot aus der Wirtschaft endlich verlockend genug, um das Handtuch der Politik hinzuwerfen.

 

Wie ist Deine Meinung?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Cookie-Einstellung

Bitte treffen Sie eine Auswahl. Weitere Informationen zu den Auswirkungen Ihrer Auswahl finden Sie unter Hilfe. Datenschutz | Impressum

Treffen Sie eine Auswahl um fortzufahren

Ihre Auswahl wurde gespeichert!

Weitere Informationen

Hilfe

Um fortfahren zu können, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Nachfolgend erhalten Sie eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies zulassen:
    Jedes Cookie wie z.B. Tracking- und Analytische-Cookies.
  • Nur First-Party-Cookies zulassen:
    Nur Cookies von dieser Webseite.
  • Keine Cookies zulassen:
    Es werden keine Cookies gesetzt, es sei denn, es handelt sich um technisch notwendige Cookies. Unser Tool hat bereits ein notwendiges Cookie gesetzt.

Sie können Ihre Cookie-Einstellung jederzeit hier ändern: Datenschutz. Impressum

Zurück