Gesundheit

Antidepressiva – zu schnell verordnet bei zu wenig Aufklärung

Ob im Berufsleben oder innerhalb der Familie – Erwachsene sehen sich oft mit scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen konfrontiert. Doch auch der unerwartete Tod eines nahen Angehörigen kann Betroffenen sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegreißen. Ausreichend Zeit, um traumatisierende oder besonders tragische Erlebnisse entsprechend aufzuarbeiten bleibt kaum, zu groß ist oft die Angst vor schlechten Nachreden im Job. Vor einigen Jahrzehnten war es dagegen noch normal, sich eine Auszeit von wenigstens einer Woche zu nehmen um die schlimmste Phase der Trauer zu überbrücken. Finanzielle Schwierigkeiten oder Unzufriedenheit im Job lassen sich freilich auch in einer Woche nicht lösen.

Schnell verordnet – wenig aufgeklärt

Wenn der Alltag nur noch wenig Erfreuliches zu bieten hat, suchen viele Betroffene Rat bei ihrem Hausarzt. Und dieser greift in den letzten Jahren immer häufiger zum Rezeptblock und verordnet Psychopharmaka. Die Pharmaindustrie hat dabei ein breites Spektrum an Psychopharmaka zu bieten, doch nur die wenigsten Patienten wissen überhaupt, womit sie es wirklich zu tun haben und werden dahingehend vom betreuenden Hausarzt wenn überhaupt nur unzureichend über mögliche Nebenwirkungen und den möglicherweise langen Prozess des Absetzens aufgeklärt.

So erging es auch Frau Moser (Name geändert), die 2015 ihren Vater völlig unerwartet durch einen Herzinfarkt verlor. „Mein Vater war eine große Stütze in meinem Leben. Er stand mir immer mit Rat zur Seite. Ich konnte mich jederzeit auf ihn verlassen. Als ich im Juni 2015 spätnachts die Nummer meiner Mutter am Handy sah, rechnete ich schon mit einer schlimmen Nachricht. Als sie mir aber sagte, dass mein Papa gerade reanimiert werden musste und mit dem Notarzt auf dem Weg ins Krankenhaus war, brach meine bisher heile Welt komplett zusammen. Ich konnte gar nicht verarbeiten, was ich hörte. Kurze Zeit später ein weiterer Anruf, ich war gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, man konnte ihm nicht mehr helfen. Die Wucht der Angst und negativen Gefühle, die in dem Moment über mich hereinbrachen, kann ich gar nicht in Worten beschreiben. Es klingt so abgedroschen zu sagen, es würde einem der Boden unter den Füßen weggerissen werden, aber das trifft es wohl noch am ehesten.“

Frau Moser fiel danach in ein tiefes Loch und konnte sich auch noch drei Wochen nach dem Tod ihres Vaters nicht fangen. „Ich stand aber unter immer größerem Druck, da ich auf der Uni kurz vor meinem letzten Semester war.“ Ein Besuch beim Hausarzt sollte weiterhelfen. „Ich sprach ihn auf Johanniskraut an, dem eine stimmungsaufhellende Wirkung nachgesagt wird. Er zeigte sich skeptisch, ob das pflanzliche Mittel die erhoffte Wirkung bei der Ausgeprägtheit meiner Beschwerden zeigen würde und verschrieb mir Sertralin. Ich solle es über drei Wochen langsam bis auf 100mg einschleichen und dürfte mir nicht von Beginn an eine Wirkung erwarten, da erst ein sogenannter Spiegel aufgebaut werden müsste. Er erwähnte noch, dass ich zu Beginn der Therapie möglicherweise Kopfschmerzen oder Verdauungprobleme bekommen könnte, doch das wäre normal.“

Panik und Notaufnahme nach erster Reduktion

Was er in dem Gespräch nicht erwähnte, wie übrigens nur sehr wenige Ärzte wie Betroffene immer wieder berichten, dass Sertralin nach längerer Einnahme nur sehr langsam und sorgfältig ausgeschlichen werden darf, da es sonst je nach Menge und Dauer der Einnahme zu schwersten Entzugssymptomen kommen kann. „Nach einem Jahr fühlte ich mich soweit stabil, dass ich in Absprache mit meinem Arzt beschloss, Sertralin abzusetzen. Er riet mir dazu, die Dosis über wenigstens vierzehn Tage langsam zu reduzieren. Ich befolgte seinen Rat und nahm meine letzte halbe Tablette exakt am 14. Tag nach unserem Gespräch. Weitere zwei Wochen später wurde ich morgens plötzlich schweißgebadet und mit schrecklichem Herzrasen wach. Ich verfiel in eine solche Panik, dass ich den Rettungsdienst verständigte. In der Notaufnahme wurden einige Untersuchungen gemacht, jedoch alle ohne Befund. Ich sollte mich schonen und darauf achten, dass ich möglichst keinen Stress habe. Schon beim Verlassen des Krankenhauses hatte ich seltsame Empfindungen im Kopf. Es war ein strahlend blauer Sommertag und ich schob es auf die Aufregung und meinen Kreislauf. Doch diese bisher unbekannten Empfindungen im Gehirn kamen immer öfter. Vor allem wenn ich den Kopf drehte. Es fühlte sich wie ein Blitz an, der sich vom Gehirn aus in meinen Körper ausbreitete. Wieder bekam ich rasende Panik und fuhr zu meinem Arzt. Er schrieb ein weiteres EKG und wusste nicht recht, wie er diese Schilderung meiner Symptome einordnen sollte. Zur Sicherheit überwies er mich an einen Neurologen. Als ich am Heimweg plötzlich schlimmes Kribbeln im rechten Bein spürte, wie eine Art Ameisenlaufen, fuhr ich zur nächstgelegenen Apotheke, um mir ein natürliches Beruhigungsmittel zu holen.“

Im Gespräch mit der Apothekerin, schilderte Frau Moser ihren Verlust sowie die Therapie durch Sertralin danach. Die Apothekerin fragte, wie lange Frau Moser das SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) eingenommen und beim Absetzen ausgeschlichen hatte. „Dann meinte sie, dass ich viel zu schnell vorgegangen sei. Ich dürfte die Medikamentendosis um höchstens 10% pro Monat reduzieren, da sich sonst schlimme Absetzsymptome einstellen könnten. Immer wieder würden ihr Patienten von schlimmen Symptomen erzählen, die schneller absetzen. Auch die von mir geschilderten „Stromschläge“ im ganzen Körper waren ihr nicht unbekannt. Sie wusste sie gleich einzuordnen und nannte sie „Brain Zaps“. Sie riet mir den Termin beim Neurologen umgehend wahrzunehmen und mich mit ihm dahingehend zu beraten.“

Der Neurologe erklärte Frau Moser gegenüber noch nie von „Brain Zaps“ gehört zu haben, die auftretende Panik sowie die anderen Symptome könnten aber ein Zeichen dafür sein, dass ihre Grunderkrankung – eine diagnostizierte Erschöpfungsdepression – noch nicht ausreichend therapiert wurde. Er empfahl ihr ein anderes, besser verträgliches Antidepressivum namens Escitalopram. Frau Moser schlich auch Escitalopram wie schon Sertralin zuvor langsam über mehrere Monate ein. Eine deutliche Besserung blieb aber aus. „Ich hatte das Gefühl mich immer mehr von der lebensfrohen, glücklichen Person, die ich vor dem Tod meines Vaters war zu entfernen. Ich fühlte mich jeden Tag müde, auch wenn ich zehn Stunden schlief. Ich konnte weder Freude aber nicht mal Trauer oder Wut empfinden. Manchmal hatte ich das Gefühl, das Leben würde an mir vorrüberziehen, ohne dass ich davon groß Notiz nehmen könnte oder gar selbst bestimmen, wie es verlaufen sollte. Ich brachte dieses Abstumpfen meiner Gefühle mit dem Escitalopram in Verbindung, weil ich zuvor wenigstens noch Trauer empfinden konnte. Diesmal wollte ich es aber langsamer ausschleichen und ließ mir zwei Monate Zeit.“

Erneut schwere Absetzsymptome nach Reduktion des neuen Medikaments

Nachdem Frau Moser die Dosis langsam über zwei Monate reduziert hatte, brach sie in totaler Panik zusammen. „Ich war alleine Zuhause und fühlte mich den ganzen Tag über innerlich sehr unruhig. Als würde der ganze Körper und jeder einzelne Nerv vibrieren. Da es sehr heiß war, dachte ich wieder es würde wohl am Wetter liegen. Abends dann ging nichts mehr. Ich brach am Wohnzimmerboden zusammen und konnte nur noch unkontrolliert weinen. Wieder rief ich die Rettung, aus Angst ich hätte einen Nervenzusammenbruch. Wieder folgten Untersuchungen ohne Befund. Wieder suchte ich meinen Hausarzt auf, der mich ein weiteres Mal an den Neurologen verwies. Beide konnten mir nur sagen, dass ich einsehen müsste, dass ich ohne die Unterstützung von Antidepressiva wohl nicht mehr leben könnte. Aussagen, mit denen ich mich nicht zufrieden geben wollte. Ich nahm allen Mut zusammen und vertraute mich meiner besten Freundin an. Sie riet mir dazu, nochmal die Apothekerin aufzusuchen und ihr meine Erlebnisse zu schildern.“

Über das hohe Abhängigkeitspotential auch von modernen Antidepressiva wie SSRI und SNRI, wird in der Öffentlichkeit kaum gesprochen. (c) Foto: www.istockphoto.com/Brent_Davis

Genau das machte Frau Moser kurz darauf. Die Apothekerin riet ihr dazu, das Medikament in einer kleineren Dosis wieder einzuschleichen und nannte ihr außerdem eine Selbsthilfegruppe. „In dieser Selbsthilfegruppe hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl, dass man mich verstand. Die anderen Teilnehmer wussten aus eigener Erfahrung von meinen Symptomen. Empfindungen, die ich bisher weder beschreiben noch zuordnen konnte, hatten plötzlich einen Namen. Wir hatten alle eines gemein – wir nahmen mindestens ein Jahr lang Antidepressiva unterschiedlichster Sorten und hatten nun mit dem Absetzen zu kämpfen. Niemand wusste vorher, wie lange das wirklich dauern würde. Und niemand wurde von seinem Arzt davor gewarnt, dass es zu einer solchen Abhängigkeit kommen könnte. Auch in den Medien liest man zwar, dass Benzodiazepine wie Diazepam oder Lorazepam bei regelmäßiger Einnahme schnell abhängig machen können, dass der Körper bei der Einnahme von selektiven Wiederaufnahmehemmern wie Escitalopram, Sertralin oder Fluoxetin über mehrere Monaten ebenfalls eine Abhängigkeit entwickelt, ist bei Ärzten und in der Öffentlichkeit überhaupt nicht bekannt. Der einzige Unterschied in der Abhängigkeit besteht darin, dass sich unter der Einnahme von Benzodiazepinen ein sogenannter Suchtdruck entwickelt. Gleiches gilt übrigens auch für selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) und andere Antidepressiva. Doch all das habe ich erst in der Selbsthilfegruppe erfahren.“

In Begleitung durch die von einer erfahrenen Psychotherapeutin betreuten Selbsthilfegruppe, schlich Frau Moser dann innerhalb von zwei Jahren das Medikament (Escitalopram) aus. Nur durch die besonders geringe Reduktion von 10% pro Monat, konnten schlimmere Absetzsymptome vermieden werden. „Natürlich wollte ich so schnell wie möglich von dem Medikament wegkommen und habe manchmal versucht etwas mehr zu reduzieren oder schneller als 4 Wochen. Doch jedes Mal plagten mich danach sofort wieder schlimme Symptome. Dass dies aber nicht an meiner Grunderkrankung liegen kann, zeigt meiner Meinung nach die Tatsache, dass die Symptome sich sofort besserten, nachdem ich die Dosis leicht erhöht habe. Das Medikament benötigt also zu Beginn einer Therapie mehrere Monate bis zum vollen Eintritt der Wirkung, da ein Spiegel aufgebaut werden muss. Wenn ich aber zu schnell reduziert habe und sich Symptome bemerkbar machten, trat die Wirkung nach Einnahme einer geringfügig höheren Dosis bereits nach wenigen Stunden ein. Das ist doch völlig unlogisch. Unlogisch ist ebenso, dass ich jetzt medikamentenfrei und wieder in der Lage bin Emotionen zu fühlen. Sowohl mein Hausarzt als auch der Neurologe erklärten mir aber, dass ich auf Antidepressiva angewiesen wäre. Hätte ich die Selbsthilfegruppe dank der Apothekerin nicht gefunden,würde ich wohl wirklich heute noch Medikamente nehmen. Es muss sich dringend etwas an der Ist-Situation ändern. Patienten müssen über mögliche Folgen besser aufgeklärt werden, sodass sie eine bewusste Entscheidung treffen können.“

Berichte über schwere Absetzverläufe häufen sich

Etwa jeder Zehnte nimmt in Österreich Antidepressiva. Zu viele, wie Experten kritisieren. Foto: (c) www.istockphoto.com/fotoduets

Frau Moser ist mit dieser Erfahrung im Umgang mit Antidepressiva nicht alleine. Dr. Dee Mangin, Familienärztin und außerordentliche Professorin in der Abteilung für Familienmedizin an der McMaster University in Hamilton, Ontario, ist eine der wenigen Ärzte, die sich der Erforschung möglicher Absetzsymptome nach der Einnahme von Antidepressiva widmet. Ihre Patienten berichten immer wieder von identen Absetzsymptomen wie Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Schwindel. Vermehrt treten auch schwere emotionale Schwankungen auf, die in weiterer Folge zu starker innerer Unruhe und unkontrollierbarem Weinen führen. Wie Frau Moser auch, berichten Patienten von eben jenen seltsamen Empfindungen – genannt Brain Zaps – die sich wie Elektroschocks im Kopf anfühlen.

Hierbei handelt es sich eben nicht um Benzodiazepine, deren Suchtpotential längst bekannt ist, sondern vielmehr um jene als sicher angepriesenen Arten von Antidepressiva wie SSRI und SNRI, welchen eine gute Verträglichkeit nachgesagt wird.

Dass der Einsatz von Antidepressiva bei schweren Depressionen wichtig und nach entsprechender Indikation richtig ist, ist unbestritten. Vielmehr geht es um einen verantwortungsvolleren Umgang bzw. das Abwägen von Vor- und Nachteilen. Nicht jeder, der sich abgeschlagen und lustlos fühlt leidet an einer handfesten Depression. Zudem gibt es ein breites Spektrum an wirksamen Alternativen für schwierigere Lebensphasen wie kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstraining, Yoga, Pilates oder progressive Muskelentspannung. Diese können Körper und Geist in stressigen Phasen ebenso zu Ausgeglichenheit und Ruhe führen, ohne gleich zum Rezeptblock greifen zu müssen.

 

 

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